Ich steh verwirrt im Twenty Shopping-Center in Bozen. Helga streitet sich mit Mario um die letzte Doppelpackung Lebkuchenherzen zum Aktionspreis im Spar. Gegenüber steht Hannes entgeistert vor den leeren Playstation 5 Regalen. Er überlegt sich nach Österreich zu fahren und sein Glück dort zu versuchen. Alles scheint hoffnungsvoller als der Gedanke an seine siebenjährige Tochter Marie und ihre Reaktion, falls nicht jeder einzelne Wunsch vom „Christkind“ erfüllt wird. Und einen Stock darüber steht Felix vor den Vitrinen des Schmuckgeschäfts. Er hat Angst, dass sein Manuel enttäuscht ist, falls er ihm für die Verlobung nicht den teuersten Ring in der Auslage besorgt. Herrlich – endlich Weihnachten!
Das alljährliche Fest der Liebe und Besinnung rückt von Tag zu Tag näher. So jedenfalls lautet die bevorzugte Beschreibung der kostspieligsten Zeit im Jahr. Mehr noch als für ihren Erholungsurlaub sind Menschen anscheinend dazu bereit für pompöse Geschenke und teure Gaben auszugeben. Oft, so erscheint es mir wenigstens, aus Zwang, weil Geschenke unter dem Weihnachtsaum nun mal dazugehören wie Schnee im Dezember – egal, ob wir in Dubai oder am Nordpol sind. Was alle machen, muss ich auch tun, oder? Denn so fühlt sich die Weihnachtszeit für mich an. Man muss eine unfassbar besinnliche Zeit mit seinen „Liebsten“ verbringen, gemeinsam am heiligen Abend den Christbaum schmücken, Kekse backen und die Klingel für das Christkind läuten. Wem das eine Freude macht, möchte ich daran auch nicht hindern!
Doch das Muss stört mich. Die verwunderten Blicke, wenn ich sage, dass Weihnachten nichts für mich ist, stören mich. Oder die Tatsache, dass sich mein Umfeld gezwungen fühlt sich teure Geschenke zu schenken, um sich SO gegenseitig ihre Liebe darzulegen. Einen Satz wie „Schau, ich habe so-und-so viel Geld für dich ausgegeben, ein Zeichen, wie sehr ich dich mag!“ werden wohl die wenigsten direkt zu ihren Lieben sagen, und doch ist genau das die Botschaft. Desto mehr ich bereit bin für dich auszugeben, umso lieber habe ich dich! Und das alles unter dem Vorwand, eine besinnliche und ruhige Zeit miteinander verbringen zu wollen. Besinnlich und gar nicht gestresst im Shoppingcenter eben. Ein aufwändiges, selbstgemachtes Present hat viel zu oft den Status eines lausigen Geschenks. Schon fast geizig ist jemand, der auf den Trend nicht aufspringt und losfährt, um teuren Schmuck oder ein neues iPhone zu kaufen. Oder die Vereinbarung „dann schenken wir heuer halt nichts“ und damit die geheime Botschaft: Wenn du nichts schenkst, bekommst du auch nichts. Der Beweis dafür, wie selbstlos am Weihnachtsabend wirklich alle sind. Bei einem Geschenk, so würde ich meinen, geht es doch genau darum: Jemand anderen eine Freude zu machen. Eben ohne etwas im Gegenzug zu erwarten.
Den Brauch „Engele Pengele“ zu spielen, ein verzweifelter Versuch, das wahnsinnige Schenken wenigstens etwas einzugrenzen, kann ich auch nur beschmunzeln. Vereinbarte Budgets und endlos scheinende Wunschlisten auf denen steht: Kauf du mir das und ich dir das. Wir könnten es uns auch einfach selbst kaufen, aber dann gibt es nichts auszupacken am langersehnten Konsumtag. Also kaufen wir es uns gegenseitig - Juhu! Performen, sogar zu Weihnachten, sogar vor der eigenen Familie. Wenn man denn eine hat, mit der man feiern kann. Denn all diejenigen Menschen, für die der Dezember der traurigste Monat des gesamten Jahres ist, werden gerne vergessen. Das heißt nicht, dass ich deshalb denke, man solle nicht feiern oder sich beschenken – doch vielleicht sollte man sich umsehen und sein Glück erkennen. Die wahren Geschenke sind bereits auf dem Silbertablett serviert. Und vielleicht kann man sich das Wort „Besinnlichkeit“ für einen Moment auf der Zunge zergehen lassen, wie eine Schneeflocke im Sturm, und es versuchen. Sich zu besinnen.
Frohe Scheinnachten!
Isabel Folie